Ich laufe durch die einst als Utopie konzipierte 1950er-Jahre-Siedlung, in der ich die letzten vier Jahre gewohnt habe. An einer Ecke zwischen Zwei-Etagen-Parkhaus und Mülltonnen-Käfig treffe ich einen Rentner, der mir davon erzählt, wie unmöglich er das mit dem Schmutz hier in letzter Zeit findet.
An uns vorbei hoppelt ein Kaninchen, doch keiner von uns beiden schenkt ihm besondere Beachtung, zu oft sieht man die Tiere. Sie waren Teil der Siedlung als ich den Mietvertrag unterschrieb, kamen schon lange vor dem Müllproblem. In der Zeit, in der vielleicht vier Generationen Menschen hier lebten, taten es wenigstens dreißig Generationen Hasen.
Merke, wie ich jeden Weg abkürzen will, um sofort wieder nach Hause zu gehen. In diesen Tagen bin ich froh über die kleinen Runden, die so ein Wohnviertel bietet. Ich laufe langsamer als sonst, als die anderen ca. sechshundert Spaziergänge seit Einzug, sehe Dinge, die mir vorher nie aufgefallen sind. Hier ein Gartenzwerg, dort ein Klettergerüst, hinter ein paar Bäumen versteckt, deren vom Wind getragene Pollen mich an Schneeflocken erinnern.Die Feinheiten der Details verlieren sich ins Unendliche und ich reiße mich schnell los, weil ich gut im Losreißen bin. Ruhig bleiben und die Siedlung leben. Ruhig bleiben und aus der Siedlung gehen.
Die Synthese: der Club. Mein Genregeschmack ist zwar auch langsamer geworden, aber Stille zählt trotzdem nur als Ausnahme dazu. Zu sehr genieße ich das unermüdliche Filetieren meines Zeitgefühls durch die Schwingungen des Soundsystems, weiter als bis zum nächsten Takt denke ich nicht. Der von manchen als Zappelphilipp titulierte Bewegungsdrang tanzt auf der Stelle, wandelt vertikales Direkt-Aktions-Potential in horizontales Gaffen um.
Ähnlich beim Stuhlkippeln, die ersten Erinnerungen daran vom Mittagessen im Kindergarten. Sitzend, verlagere ich das Gewicht auf meine Zehenspitzen und wieder auf meinen ganzen Fuß, um zwischendurch im Fallen hängen zu bleiben. Das ständige Ausbalancieren zur Verhinderung der direkten Konsequenz, hier, des Umfallens, gibt meinem Körper fortwährend etwas zu tun und scheint meine Gedanken am Jetzt zu befestigen. Alle anderen Sinneseindrücke treten in den Hintergrund und es bleibt genügend Platz, um dem Grund zu folgen, weshalb ich mich auf den Stuhl gesetzt habe. Gekochter Fisch mit Spinat, Salzkartoffeln.
Es ist Ende Juni und ich habe dieses Jahr noch keinen Sonnenaufgang erlebt. Eingesperrt in das Keuschheitsgeschirr meiner Selbst und -ständigkeit zwinge ich mich zum Arbeiten. Nur noch drei Tage, dann ist die Abgabe fertig, nur noch drei Tage, bis ich mir das Datum für die nächste Abgabe setzen kann. Eine Klinge, die mich erdolchen kann, hänge ich mir jeden Morgen über den Schreibtisch, will mich durch meine Angst vor dem Versagen motivieren. Das klappt manchmal, manchmal schnürt es mir die Luft ab. Ich streite auch gerne mit mir selbst. Für jede schnelle Entscheidung zwei langsame?
Als Jugendlicher war ein Ziel, möglichst schnell erwachsen zu sein. Endlich alles selbst entscheiden zu können. Mittlerweile habe ich meine Vorwärts!-Taste schon so abgenutzt, dass ich wohl ein paar Jahre rückwärts gehen müsste, um wieder im Jetzt anzukommen. Ich bin bereit, aus der unendlichen Skala ästhetischer Wahrheit herauszutreten.
Ist das Vermeidung? Das ständige Abkürzen ist zur Normalität geworden. Eine Bahnfahrt, ohne zumindest die Möglichkeit zu haben, ein Buch aufzuschlagen, versetzt mich in Unruhe. Zu sehr genieße ich die Sicherheit, mich in den Zeilen zu verlieren und die gigantische Metropole, in der ich mich bewege, auf ein paar Wörter zu reduzieren. Wie von einem Rohrpostsystem von einer Gegend zur anderen gesaugt und dort wieder ausgespuckt zu werden. Auch an gefestigteren Orten besetze ich zu überbrückende Zeit meistens doppelt, sodass Warten in seiner Reinform selten ist.
B, der fünfunddreißig Jahre älter ist als ich, aber ebenso sehr vor dem Nichtstun wegzulaufen scheint, zumindest wenn ich ihm dabei zuschaue, schaut vielleicht deshalb immer danach, was so zu reparieren ist, auch wenn er gerade mit mir redet. Seine Werkstatt als Rückzugsort, in der er unbeobachtet ist.
Wenn ich als Kind bei ihm zu Besuch war und wir die Treppen in den fünften Stock hochlaufen mussten, war das für mich auch schon so eine Wartezeit. Ein unendlicher Turmbau ohne Verpflegung auf dem Weg. So entwickelten wir ein Spiel: Wer zuerst oben ankam, durfte seine Füße auf die anderthalb Sonnenblumen des Fußabtreters vor der Wohnung stellen und bis fünf zählen. Wenn der andere bis dahin nicht angekommen war, durfte man einen Fuß auf die zweite ganze Sonnenblume stellen. Renne immer mit schnelleren Leuten, dann kannst du dich mitziehen lassen. Sagt mir S einmal vor einer Laufprüfung im Sportunterricht.
Den Rest meiner Familie habe ich aber gerne und lang warten lassen, einfach um zu sehen, was passiert. Wenn ich nach dem Klopfen an das Heizungsrohr nicht zum Essen kam, bis ein zweites Mal geklopft wurde, oder, wenn ich auf einem Spaziergang vorausrannte, um mich irgendwo ins Gebüsch zu stürzen und vor ihnen zu verstecken. Ich ließ sie an mir vorbeilaufen und hielt inne, lechzend nach einem zurückschauenden Blick. Nach einer Zeit gewöhnten sich alle bis auf H an das Spiel und reagierten nicht mehr darauf. Ich würde wohl wieder auftauchen.
Auch ich gewöhne mich mehr und mehr an die Ungewissheit, speziell der Nicht-Zeit. Stelle mir einen Wecker, damit ich das Entspannen aushalten kann. Gezwungenermaßen aushalten will, weil die Bilder sonst zu viel werden. Durch das offene Fenster weht der Geruch von Frittierfett herein. Er erinnert mich an Pommes im Freibad.
Schlaf in diesen Tagen ist kurz und hell, meine Haut klebrig. Ich träume vom Kartenspielen im Gefängnis. Runde für Runde, jeder gewinnt oder verliert mal. Der Einsatz (Essens-Marken, Zigaretten) ist niedrig, aber die Emotionen bleiben konstant. Wenn ein Spieler kein Geld mehr hat, lassen die anderen ihn kurz baumeln, dann geben sie alle etwas von ihrem ab, damit das Spiel weitergehen kann.
Ich schnelle hoch und hole mir eine Orange aus dem Kühlschrank. Alle Fenster meiner Wohnung habe ich weit geöffnet, sodass ich von meinem Schreibtisch Norden und Süden sehen kann. Jede Tür mit einem Gegenstand blockiert, sodass sie vom Wind nicht zugeworfen wird. Angenehm flutet die Hitze mein Gehirn und macht das Arbeiten ab Nachmittag unmöglich. Am nächsten Tag stehe ich zwei Stunden eher auf. Wenn ich zwischendurch kurz innehalte, die Arme nach oben strecke, löst sich mein Rücken mit einem Schmatzen von der Lehne des Stuhls ab.
Beim gemeinsamen Essen wurde das Brot an vielen Tischen, an denen ich saß, häufig gerissen und nur wenig zerkaut. Vielleicht, weil die Gespräche gerne in unangenehme Beschuldigungs-Spiele hinabgelassen wurden, aßen alle so schnell wie möglich. Das Sättigungsgefühl kam spät, aber dafür mit der Wucht eines den Bahnhof durchfahrenden Schnellzuges. Es empfahl sich, prophylaktisch mit einem Stück Schokolade zu kontern. Nach dem Essen sollst du ruhn, oder tausend Schritte tun.
Vierundzwanzig Jahre in Berlin akkumulieren sich zu einem Gefühl von Überforderung. Ich möchte alles wegdrücken. Lege mich in eine Badewanne mit eiskaltem Wasser und warte darauf, dass es kälter wird, darauf, dass ich meine Gedanken loslassen möchte. Ein Luftzug weht durchs Zimmer, die Blätter der Pflanzen auf und ab. Mein Schreibtisch wird zur Raststätte für verschiedene Insekten, die vom Wind hereingetragen werden. Wanzen, Marienkäfer, Hummeln.Y sagt, bevor eine Hummel dich sticht, hebt sie als allerletzte Warnung das rechte Hinterbein.
Wo liegt der Unterschied zwischen Warten und Prokrastinieren? Das eine Wort ist fünf Buchstaben lang, das andere gefühlt länger. Ich habe nicht gezählt, nur ungefähr geschätzt. Meine Nähe zur Unruhe Grundzustand, die längste Binge bisher.
Auf meinem Schreibtisch döst ein Rosenkäfer, ein schwarzer, vergleichsweise dicker, dessen schwarzer Panzer grünlich schimmert. Er hatte sich vor ein paar Minuten durch ein tiefes Summen angekündigt und mich aufhorchen lassen, um dann dramatisch-abrupt auf meinen Schreibtisch zu stürzen.
Meinem ersten Instinkt, einen Handfeger aus der Küche zu nehmen und ihn damit wie mit einem Katapult zurück aus dem Fenster zu schleudern, folge ich nicht. Stattdessen bleibe ich sitzen und schaue der Kreatur dabei zu, wie sie sich aus ihrem Schleudertrauma löst und ganz langsam auf ihre sechs Beine aufrichtet.
| | | I walk through the 1950s housing estate, once conceived as a utopia, where I've lived for the past four years. At a corner between the two-storey parking garage and the bin cage, I meet a pensioner who tells me how impossible he finds all the dirt around here lately.
A rabbit hops past us, but neither of us pays it any particular attention; you see the animals too often. They were part of the estate when I signed the lease, came long before the trash problem. In the time in which maybe four generations of people lived here, at least thirty generations of hares did.
I notice how I want to shortcut every path, to go straight back home. These days I'm grateful for the small loops a residential neighbourhood like this offers. I walk more slowly than usual, more slowly than on the other roughly six hundred walks since moving in, and see things that never struck me before. Here a garden gnome, there a climbing frame hidden behind a few trees whose wind-borne pollen reminds me of snowflakes. The subtleties of the details lose themselves into the infinite and I tear myself away quickly, because I'm good at tearing myself away. Stay calm and live the estate. Stay calm and leave the estate.
The synthesis: the club. My taste in genre has grown slower too, true, but silence still counts only as an exception to it. I enjoy too much the tireless filleting of my sense of time by the vibrations of the sound system; I don't think further than the next beat. The urge to move - by previous bypassers of my life labeled Zappelphilipp - dances on the spot, converting vertical direct-action potential into horizontal gawking.
Similar with tipping back on chairs, the earliest memories of it from lunch in kindergarten. Seated, I shift my weight onto my toes and back onto my whole foot, to get stuck mid-fall in between. The constant balancing to prevent the direct consequence - here, of toppling over - keeps giving my body something to do and seems to fasten my thoughts to the now. All other sense impressions recede into the background and enough room remains to follow the reason why I sat down on the chair in the first place. Boiled fish with spinach, boiled potatoes.
It's the end of June and I haven't yet experienced a single sunrise this year. Locked into the chastity harness of my self- and -employment, I force myself to work. Just three more days, then the deadline is met, just three more days until I can set the date for the next deadline. A blade that could stab me I hang above my desk every morning, wanting to motivate myself through my fear of failure. Sometimes that works, sometimes it cuts off my air. I also like to argue with myself. For every fast decision, two slow ones?
As a teenager, one goal was to grow up as fast as possible. To finally be able to decide everything for myself. By now I've worn down my forward! button so thoroughly that I'd probably have to walk back a few years to arrive in the now again. I am ready to step out of the infinite scale of aesthetic truth.
Is this avoidance? The constant shortcutting has become normal. A train ride without at least the possibility of opening a book unsettles me. I enjoy too much the security of losing myself in the lines and reducing the gigantic metropolis I move through to a few words. As if sucked by a pneumatic tube system from one district to another and spat out there again. Even in more settled places I usually double-occupy the time to be bridged, so that waiting in its pure form is rare.
B, who is thirty-five years older than me but seems to flee from doing nothing just as much as I do, at least when I'm watching him, maybe that's why he's always looking for something to repair, even when he's in the middle of talking to me. His workshop as a retreat, where he's unobserved.
When I visited him as a child and we had to climb the stairs up to the fifth floor, that, too, was already a kind of waiting time for me. An endless tower-building with no provisions along the way. So we developed a game: whoever reached the top first was allowed to place his feet on the one and a half sunflowers of the doormat in front of the apartment and count to five. If the other hadn't arrived by then, you were allowed to set one foot on the second whole sunflower. Always run with faster people, then you can let yourself be pulled along. S tells me this once before a running test in PE.
The rest of my family, though, I liked to keep waiting, and for a long time, simply to see what would happen. When, after the knock on the heating pipe, I wouldn't come to eat until a second knock came, or when, on a walk, I ran ahead to throw myself into some bushes and hide from them.
I let them walk past me and held still, craving a backward glance. After a while everyone except H got used to the game and stopped reacting to it. I would probably turn up again.
I, too, am getting more and more used to the uncertainty, especially of the non-time. Set myself an alarm so I can endure the relaxing. Endure it by force, because otherwise the images become too much. Through the open window drifts the smell of frying fat. It reminds me of fries at the open-air pool.
Sleep these days is short and bright, my skin sticky. I dream of playing cards in prison. Round after round, everyone wins or loses in turn. The stakes (food stamps, cigarettes) are low, but the emotions stay constant. When a player runs out of money, the others let him dangle for a moment, then they each give away a little of theirs so the game can go on.
I shoot up and grab an orange from the fridge. I've opened all the windows of my apartment wide, so that from my desk I can see north and south. Every door blocked with an object so the wind won't slam it shut. Pleasantly the heat floods my brain and makes working impossible from the afternoon on. The next day I get up two hours earlier. When I pause briefly in between, stretch my arms upward, my back comes away from the back of the chair with a smack.
At shared meals the bread, at many of the tables I sat at, was often torn and barely chewed. Maybe because the conversations were readily lowered into unpleasant blame games, everyone ate as fast as possible. The feeling of fullness came late, but then with the force of an express train racing through the station. It was advisable to counter it prophylactically with a piece of chocolate. After the meal you shall rest, or take a thousand steps.
Twenty-four years in Berlin accumulate into a feeling of being overwhelmed. I want to push it all away. Lie down in a bathtub of ice-cold water and wait for it to get colder, wait for the wish to let go of my thoughts. A draft blows through the room, the leaves of the plants up and down. My desk becomes a rest stop for various insects carried in by the wind. Bugs, ladybirds, bumblebees. Y says that before a bumblebee stings you, as its very last warning it raises its right hind leg.
Where is the difference between waiting and procrastinating? One word is six letters long, the other feels longer. I didn't count, only roughly estimated. My closeness to restlessness a baseline state, the longest binge so far.
On my desk a rose chafer dozes, a black one, comparatively fat, whose black shell shimmers greenish. A few minutes ago it had announced itself with a deep hum and made me prick up my ears, only to plunge dramatically, abruptly, onto my desk.
My first instinct - to fetch a hand brush from the kitchen and use it like a catapult to hurl the thing back out the window - I don't follow. Instead I stay seated and watch the creature as it comes out of its whiplash and very slowly rights itself onto its six legs. |
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